Wer war Bahá'u'lláh?
Unsere Welt befindet sich in einem Zeitalter des Umbruchs. Zu allen Zeiten waren es die Religionen, die in solchen
Augenblicken den Menschen die wichtigsten geistigen Impulse gaben. Durch Religionsstifter, wie Moses, Christus, Buddha
oder Mohammed.
Bahá'u'lláh anerkennt die ihm vorausgegangenen Religionsstifter als Gottgesandte und führt die Reihe der Offenbarungen
Gottes für unser Zeitalter fort. Er stiftete die Bahá'í-Religion. Die Bahá'í-Religion bestätigt den geistigen Kern der
bisherigen Hochreligionen und sie erweitert ihn um diejenigen Elemente, die als neue Impulse für die Entwicklung zu der
Einheit der ganzen Menschheit unentbehrlich sind.
Die Schriften Bahá'u'lláhs haben dabei für die Bahá'í die gleiche Bedeutung wie die Bibel für die Christen oder der
Koran für die Moslems: Sie vermitteln das Wort Gottes.
Bahá'u'lláh wurde 1817 als Sohn eines Ministers am persischen Hof geboren. Er verzichtete auf Amt und Würden und
widmete sein Leben den Armen und der Verteidigung einer neuen Religion, deren Offenbarer, genannt der Báb, die nahe
Ankunft des Verheißenen aller Religionen verkündete. Äußerst grausame Verfolgungen seitens der schiitischen
Geistlichkeit führten zum Tod tausender Anhänger der neuen Religion und zum Martyrium des Báb am 9. Juli 1850.
Im Sommer 1852 wurde Bahá'u'lláh im Zuge einer weiteren Verfolgungswelle in ein abscheuliches Verließ geworfen.
Nach vier Monaten Gefangenschaft wurde er zusammen mit seiner Familie für immer aus seiner Heimat verbannt, zuerst
nach Bagdad, dann nach Konstantinopel (Istanbul) und Adrianopel (Edirne). Schließlich wurde er in der damaligen
türkischen Gefängnisstadt 'Akká in der Bucht von Haifa (Israel) eingekerkert. Im weiteren Verlauf wurde die
Gefangenschaft gemildert. Seinen Lebensabend verbrachte Bahá'u'lláh in einem Landhaus in der Nähe von 'Akká.
Bahá'u'lláh verschied am 29. Mai 1892. Sein Grabmal ist der heiligste Pilgerort für Bahá'í aus der ganzen Welt.
Abdu'l-Bahá über seinen Vater:[1]
"Bahá'u'lláh erschien zu einer Zeit, da das persische Reich in große Dunkelheit und Unwissenheit herabgesunken
und in blindestem Fanatismus verloren war.
Sicher hast du in europäischen Geschichtswerken ausführliche Berichte über die Moral, die Sitten und Denkweisen
der Perser während der letzten Jahrhunderte gelesen, und Ich brauche deshalb nicht noch einmal darauf einzugehen.
Kurz gesagt, Persien war in ein solches Verfallstadium getreten, dass alle ausländischen Besucher ihr Bedauern über
den Zustand dieses Landes ausdrückten, das in früheren Zeiten auf der höchsten Kulturstufe gestanden hatte und nun
so heruntergekommen, verwüstet und in Unordnung war.
In einer solchen Zeit erschien Bahá'u'lláh. Sein Vater war Minister, kein Theologe. Alle Bewohner Persiens wissen, dass
Er Sein Wissen nicht in einer Schule erworben und dass Er mit den Theologen und Gelehrten keinen Umgang hatte. Der
Anfang Seines Lebens war in größter Glückseligkeit verlaufen. Seine Gefährten und Gesellschafter waren Perser der
höchsten Klasse, aber keine Gelehrten.
Als Sich der Báb offenbarte, sagte Bahá'u'lláh: "Dieser große Mann ist der Herr der Gerechten, und allen obliegt es, an
ihn zu glauben". Er erhob Sich, dem Báb zu helfen, und gab viele Beweise und sichere Zeugnisse für die Wahrheit
des Báb, obgleich die 'Ulamá der Staatsreligion die persische Regierung gedrängt hatten, ihn zu bekämpfen und Ihm
Widerstand zu leisten, und außerdem Erlasse veröffentlicht hatten, die Mord, Plünderung, Verfolgung und Ausstoßung
Seiner Anhänger verfügten. Im ganzen Land begann man, die Bekehrten zu töten, zu verbrennen und auszuplündern und
sogar ihre Frauen und Kinder anzufallen.
Trotz alledem stand Bahá'u'lláh auf, um das Wort des Báb mit größter Festigkeit und Kraft zu verkünden. Nicht für
einen Augenblick verbarg Er Sich, offen verkehrte Er mit Seinen Feinden. Er war bemüht, Zeugnisse und Beweise zu
geben, und wurde als der Verkünder des Wortes Gottes berühmt. Oft und oft hatte Er heftige Leiden zu ertragen, und
jeden Augenblick stand Er in Gefahr des Märtyrertodes.
Er wurde in Ketten gelegt und unter der Erde gefangengehalten. Seine großen ererbten Güter wurden geplündert und
enteignet. Viermal verbannte man ihn, bis Er schließlich im Größten Gefängnis[2] eine bleibende Stätte fand.
Dennoch hörte Er für keinen Augenblick auf, die Größe der Gottessache zu verkünden. Er zeigte solche Tugend und
Vollkommenheit und ein solches Wissen, dass Er für die Leute in Persien zum Wunder wurde. Dies war so stark, dass
in Teheran, Bagdad, Konstantinopel, Rumelien[3] und sogar in Akka jeder Wissenschaftler und Gelehrte, gleichviel ob
Freund oder Feind, der zu ihm kam, auf jede gestellte Frage eine überzeugende und befriedigende Antwort erhielt.
Alle Menschen bekannten, dass dieser Mann einzig und in Seiner ganzen Vollkommenheit unvergleichlich sei.
In Bagdad geschah es oft, dass islamische 'Ulamá, jüdische Rabbiner und Christen mit europäischen Gelehrten
in gesegneter Versammlung zusammenkamen. Jeder einzelne stellte eine Frage, und trotz der Verschiedenheit ihres
Kulturkreises erhielten alle eine ausreichende und überzeugende Antwort und gingen zufriedengestellt fort. Sogar
die persischen 'Ulamá aus Karbilá und Najaf wählten einen Gelehrten zu ihrem Abgesandten, der Mullá Hasan 'Ammu hieß. Er
kam in die Gesegnete Gegenwart und stellte im Namen der 'Ulamá einige Fragen, die Bahá'u'lláh beantwortete. Dann sagte
Hasan 'Ammu: "Die 'Ulamá anerkennen ohne Zögern und bekennen das Wissen und die Größe Bahá'u'lláhs, und sie sind
einmütig überzeugt, dass in allen Wissenschaften niemand ihm ähnlich und ebenbürtig ist; auch ist es allgemein bekannt, dass
Er niemals studiert oder dieses Wissen erworben hat." Dennoch sagten die 'Ulamá: "Wir können uns damit nicht zufrieden
geben, die Wahrheit Seiner Sendung anerkennen wir nicht nur Seiner Weisheit und Rechtschaffenheit wegen. Wir bitten
Ihn daher, uns ein Wunder zu zeigen, damit unsere Herzen zufriedengestellt und beruhigt werden."
Bahá'u'lláh antwortete: "Obwohl ihr kein Recht dazu habt, denn es steht Gott zu, die Geschöpfe zu prüfen, nicht
aber den Geschöpfen, Gott auf die Probe zu stellen, sei diese Bitte angenommen und erfüllt. Aber die Sache Gottes ist
keine Theateraufführung, die jederzeit gezeigt wird und von der man täglich neuen Zeitvertreib verlangt. Wenn es so
wäre, würde die Sache Gottes bloßes Kinderspiel werden. Die 'Ulamá müssen deshalb zusammenkommen und gemeinsam ein
Wunder auswählen und niederschreiben, dass sie nach Eintreten des Wunders nicht länger an Mir zweifeln und alle die
Wahrheit Meiner Sache zugeben und anerkennen werden. Dieses Schriftstück sollen sie versiegeln und Mir bringen. Und
folgendes soll der gültige Maßstab sein: Erscheint das Wunder, so werdet ihr keinen Zweifel mehr hegen, erscheint
es nicht, werden Wir des Betrugs für schuldig erklärt". Der Gelehrte, Hasan 'Ammu, erhob sich und antwortete:
"Es bleibt mir nichts mehr zu sagen". Er küsste dann das Knie des Gesegneten, obgleich er kein Gläubiger war, und
ging. Er versammelte die 'Ulamá und überbrachte ihnen die heilige Botschaft. Sie beratschlagten miteinander und
sagten: "Dieser Mann ist ein Zauberer, vielleicht vollbringt er einen Zauber, und dann können wir nichts mehr sagen".
Aufgrund dieser Meinung wagten sie nicht, auf den Vorschlag einzugehen.[4]
Hasan 'Ammu sprach über diesen Vorfall in vielen Versammlungen. Er ging von Karbilá nach Kirmánsháh und Teheran und
verbreitete überall einen genauen Bericht, wobei er die Furcht und den Rückzug der 'Ulamá betonte.
Kurz, alle Seine Gegner im Orient gaben Seine Größe und Erhabenheit, Sein Wissen und Seine Klugheit zu, obwohl sie
Seine Feinde waren, sprachen sie von Ihm immer als von dem "berühmten Bahá'u'lláh".
Als dieses große Licht plötzlich am Horizont Persiens aufging, erhoben sich alle Leute, die Geistlichen, die 'Ulamá
und Menschen anderer Klassen gegen ihn, verfolgten ihn mit der größten Feindseligkeit und behaupteten, "dass dieser
Mann Religion, Gesetz, die Nation und das Reich unterdrücken und zerstören wolle." Das gleiche wurde von Christus
gesagt. Doch allein und ohne Hilfe leistete Bahá'u'lláh allen Widerstand, ohne jemals die leiseste Schwäche
zu zeigen. Schließlich sagten sie: "Solange dieser Mann in Persien ist, wird es keinen Frieden und keine Ruhe
geben. Wir müssen ihn verbannen, damit Persien zur Ruhe kommt".
Sie gingen dazu über, Gewalt gegen ihn anzuwenden, um ihn zur Bitte, Persien verlassen zu dürfen, zu zwingen.
Denn sie glaubten, dass damit das Licht Seiner Wahrheit verlöscht würde. Doch sie erreichten das Gegenteil. Die
Sache wurde weiter gestärkt, und ihre Flamme loderte heller empor. War sie bis dahin nur in Persien bekannt gewesen, so
führte Bahá'u'lláhs Verbannung zu ihrer Verbreitung auch in anderen Ländern. Darauf sagten
Seine Feinde: "Der arabische 'Iráq[5] liegt zu nahe bei Persien, wir müssen ihn in ein entfernteres
Land schicken". Darum entschloss sich die persische Regierung, Bahá'u'lláh vom 'Iráq nach Konstantinopel zu
verbannen. Aber wieder zeigte es sich, dass die Sache nicht im geringsten geschwächt wurde, und von neuem
sagten sich Seine Feinde: "Konstantinopel ist eine Stadt des Fremdenverkehrs für die verschiedensten Rassen
und Völker, unter denen auch viele Perser sind". Deshalb verbannten sie ihn weiter nach Rumelien. Aber dort
leuchtete Sein Licht noch stärker, und die Sache erhob sich weiterhin. Schließlich sagten die Perser: "Keine
dieser Städte ist frei von Seinem Einfluss, wir müssen ihn an einen Ort schicken, wo Er zur Machtlosigkeit
verurteilt ist, wo Seine Familie und Seine Anhänger im größten Elend leben müssen".
Deshalb wählten sie das
Gefängnis von Akka, das für Mörder, Diebe und Wegelagerer bestimmt war, und tatsächlich stellten sie ihn
diesen Leuten gleich. Aber die Macht Gottes zeigte sich noch klarer, denn Sein Gefängnis wurde der Weg zur
Verbreitung Seiner Lehre und zur Verkündung Seiner Botschaft. Die Größe Bahá'u'lláhs wurde da augenscheinlich, denn
von diesem Gefängnis aus und unter solchen Umständen führte Er Persien auf eine höhere Entwicklungsstufe. Er überwand
alle Seine Feinde und bewies ihnen, dass sie dieser Sache keinen Widerstand leisten können. Seine heiligen Lehren
durchdrangen alle Regionen, und Seine Sache wurde fest begründet.
Ja, in allen Teilen Persiens erhoben sich Seine Feinde in bitterstem Hass gegen Ihn und fingen, schlugen und töteten
Seine Anhänger. Tausende von Wohnungen verbrannten sie und machten sie dem Boden gleich und versuchten alle Mittel, um
die Sache zu unterdrücken und zu vernichten. Trotz alledem wurde sie hoch aufgerichtet, und zwar von einem Gefängnis
aus, das für Mörder, Wegelagerer und Diebe bestimmt war. Seine Lehren verbreiteten sich weithin, und Seine Ermahnungen
machten auf viele Seiner heftigsten Hasser solchen Eindruck, dass sie standhafte Gläubige wurden. Sogar die persische
Regierung wurde aufgerüttelt und bedauerte das Übel, das durch die 'Ulamá verursacht worden war.
Als Bahá'u'lláh in dieses Gefängnis im Heiligen Lande kam, erkannten die Einsichtigen, dass die frohe Botschaft, die
Gott zwei- und dreitausend Jahre vorher durch den Mund der Propheten verkünden ließ, sich verwirklicht und dass Gott
Sein Versprechen erfüllt hatte. Denn mehreren Propheten hatte Er Sich geoffenbart und die gute Nachricht gegeben, dass
"der Herr der Heerscharen im Heiligen Land geoffenbart würde". Alle diese Prophezeiungen wurden erfüllt, und wenn diese
Verfolgungen durch Seine Feinde, Seine Vertreibung und Verbannung nicht gewesen wären, könnte man sich nicht vorstellen,
wie Bahá'u'lláh hätte gezwungen werden können, Persien zu verlassen und in diesem Heiligen Land Sein Zelt aufzuschlagen.
Die Absicht der Feinde war, durch Seine Gefangenschaft die Heilige Sache zu zerstören und zu vernichten, trotzdem wurde
dieses Gefängnis zur größten Hilfe und zur Ursache ihrer Verbreitung. Der göttliche Ruf Bahá'u'lláhs drang zum Osten
und Westen, und die Strahlen der Sonne der Wahrheit erhellten die ganze Welt. Gelobt sei Gott! Obwohl Er ein Gefangener
war, wurde Sein Zelt auf dem Berge Karma aufgeschlagen, und Er bewegte Sich mit größter Majestät. Jeder, ob Freund oder
Fremder, dem die Ehre widerfuhr, in Seine Gegenwart zu gelangen, sagte: "Dies ist ein Herrscher und kein Gefangener".
Bald nach der Ankunft in diesem Gefängnis schrieb Er eine Botschaft an Napoleon[6] , die Er durch den französischen
Gesandten schickte. Ihr Hauptpunkt lautete: "Erkundige dich, welches Unser Verbrechen ist, und warum Wir in diesem
Gefängnis eingekerkert sind." Napoleon gab keine Antwort. Dann wurde ein zweites Schreiben gesandt, dessen Wortlaut
in das Buch Súratu'l-Haykal[7] aufgenommen wurde.
Der Inhalt in Kürze: "O Napoleon, weil du nicht auf Meinen Ruf gehört
und keine Antwort gegeben hast, wird dir bald deine Herrschaft genommen, und du selbst wirst vernichtet werden."
Dieses Sendschreiben wurde durch Vermittlung von Cesar Ketafagu[8] mit der Post an Napoleon geschickt, was allen
Gefährten Seiner Verbannung bekannt war. Abschriften dieses Briefes wurden rasch in ganz Persien verbreitet, denn
das Buch Haykal war damals in Umlauf und das Sendschreiben in ihm enthalten. Dies geschah im Jahre 1869, und weil
das Buch Haykal in Persien und Indien verbreitet und in den Händen aller Gläubigen war, wurde die Erfüllung der
Prophezeiung, die in diesem Brief enthalten war, zuversichtlich erwartet. Nicht lange danach, im Jahre 1870 brach
der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich aus. Obwohl damals niemand an den Sieg Deutschlands geglaubt hatte,
erlitt Napoleon eine völlige Niederlage; er musste sich dem Feinde ergeben, und seine Größe verwandelte sich in
tiefste Erniedrigung.
In gleicher Weise wurden Sendschreiben an andere Regenten geschickt, darunter eine Botschaft an Násiri'd-Dín Sháh.
In ihr schrieb Bahá'u'lláh: "Lasse Mich zu dir kommen, versammle die 'Ulamá und fordere Beweise und Argumente, damit
Wahrheit und Irrtum offenbar werden". Násiri'd-Dín Sháh schickte die gesegnete Botschaft zu den 'Ulamá und schlug
ihnen vor, dies auszuführen. Sie wagten es aber nicht. Dann forderte er sieben der Berühmtesten unter ihnen auf, eine
Antwort auf die Herausforderung zu schreiben. Nach einiger Zeit gaben sie den gesegneten Brief mit den Worten zurück:
"Dieser Mann ist ein Feind der Religion und ein Gegner des Sháhs". Der Sháh von Persien wurde sehr ärgerlich und sagte:
"Dies ist eine Frage des Beweises und der Begründung, der Wahrheit und des Irrtums; was hat sie mit Politik zu tun? Wie
bedauerlich, dass wir so viel Rücksicht auf diese 'Ulamá genommen haben, die diesen Brief nicht einmal erwidern können".
Kurz, alles, was in den Botschaften an die Herrscher vorausgesagt ward, ist genau eingetroffen. Wenn wir es mit den
tatsächlichen Ereignissen seit dem Jahre 1870 vergleichen, finden wir, dass beinahe jede Prophezeiung sich erfüllt hat;
nur wenige Ereignisse bleiben, die später noch sichtbar werden.
Auch fremde Völker und Sekten, die nicht an Ihn glaubten, schrieben Bahá'u'lláh große Dinge zu: Manche glaubten, dass
Er ein Heiliger sei, und einige schrieben sogar über Ihn. Einer von ihnen, Siyyid Dávúd, ein sunnitischer Gelehrter in
Bagdad, verfasste eine kurze Abhandlung, in welcher er über einige übernatürliche Begebenheiten berichtet. Bis heute
gibt es überall im Orient Menschen, die zwar Seine Offenbarung nicht anerkennen, aber trotzdem glauben, dass Er ein
Heiliger war und Wunder getan habe.
Zusammengefasst, Seine Gegner und Seine Freunde sowie alle diejenigen, die am heiligen Ort Seiner Gegenwart empfangen
wurden, anerkannten und bezeugten die Größe Bahá'u'lláhs. Auch wenn sie nicht an ihn glaubten, anerkannten sie Seine
Erhabenheit, und sobald sie zum heiligen Ort gelangten, übte die Gegenwart Bahá'u'lláhs eine solche Wirkung auf die m
eisten aus, dass sie kein Wort äußern konnten. Wie oft geschah es, dass ein hasserfüllter Mensch aus den Reihen Seiner
Feinde zu Ihm kam, der sich fest vorgenommen hatte: "Wenn ich vor ihm stehe, werde ich dies und das sagen und über dies
und jenes diskutieren und mit ihm streiten", - aber wenn er in Seine Heilige Gegenwart kam, wurde er bestürzt und
verwirrt und brachte kein Wort heraus.
Bahá'u'lláh hatte nie Arabisch studiert, Er hatte weder Lehrer noch Meister, noch hatte Er eine Schule besucht, aber
der Redefluss und die Gewähltheit Seiner gesegneten Äußerungen in Arabisch, ebenso wie Seine arabischen
Schriften, verursachten Erstaunen und Verblüffung bei den vollendetsten arabischen Gelehrten. Alle anerkannten
und bezeugten, dass Er unerreicht und ohnegleichen sei.
Wenn wir den Text der Bibel prüfen, sehen wir, dass keiner der göttlichen Offenbarer zu denen, die ihn leugneten,
sagte: "Ich bin bereit, jedes erwünschte Wunder zu erfüllen und Mich jeder Prüfung zu unterziehen". Aber im
Sendschreiben an den Sháh hat Bahá'u'lláh deutlich gesagt: "Versammle die 'Ulamá und lass Mich kommen, damit
Beweise und Argumente erbracht werden".[9]
Fünfzig Jahre lang stand Bahá'u'lláh Seinen Feinden wie ein Berg gegenüber. Alle wollten ihn verderben und vernichten.
Tausendmal hatten sie beabsichtigt, ihn zugrunde zu richten und zu kreuzigen, und während dieser fünfzig Jahre war Sein
Leben beständig in höchster Gefahr.
Heute ist Persien auf eine so tiefe Stufe des Verfalls und Niedergangs herabgesunken, dass alle verständigen Menschen
im Lande oder außerhalb, die die wirklichen Zustände kennen, sich darüber einig sind, dass Fortschritt, Kultur und
Wiederaufbau Persiens von der Verbreitung der Lehren und der Entfaltung der Prinzipien dieser großen Persönlichkeit abhängen.
Christus hat an Seinem gesegneten Tag in Wirklichkeit nur elf Menschen erzogen. Der größte von ihnen war Petrus, der
aber, als die Prüfung über ihn kam, Christus dreimal verleugnete. Dennoch ist später die ganze Welt durch die Lehre
Christi beeinflusst worden. Am gegenwärtigen Tag hat Bahá'u'lláh Tausende von Menschen erzogen, die unter der
Bedrohung durch das Schwert den Ruf "Yá-Bahá'u'l-Abhá" bis zum höchsten Himmel ertönen ließen, und deren Antlitz
im Feuer der Prüfungen wie Gold erstrahlte. Überlege nun, was daraus in der Zukunft zu erwarten ist.
Zum Schluss müssen wir gerecht urteilen und erkennen, welch ein Erzieher dieses herrliche Wesen war, welch wunderbare
Zeichen durch ihn offenbart wurden und welch eine Kraft und Macht sich durch ihn in dieser Welt gezeigt hat."
Abdú'l-Bahá
[1] Quelle: Abdu'l-Bahá: Beantwortete Fragen, Frankfurt am Main 1962, S. 40 ff.
[2] Zuerst nach Baghdád verbannt, dann nach Konstantinopel und Adrianopel, wurde Er 1869 in Akka, dem "Größten Gefängnis", eingekerkert.
[3] Rumelien (türkisch: Rumeli - Land der Römer) bezeichnete seit dem 15. Jahrhundert den europäischen, auf der Balkanhalbinsel gelegenen, Teil des heute untergegangenen Osmanischen Reiches.
[4] Die scharfsinnige Urteilskraft Bahá'u'lláhs überwand bei dieser Gelegenheit die Bosheit seiner Feinde, die sich in der Wahl des Wunders sicherlich niemals geeinigt hätten.
[5] Der Bezirk, in dem Baghdád liegt.
[6] Napoleon III.
[7] Ein Werk Bahá'u'lláhs, das nach Seiner Erklärung geschrieben wurde.
[8] Sohn eines französischen Konsuls in Syrien, zu dem Bahá'u'lláh freundschaftliche Beziehungen hatte.
[9] Wenn Abdu'l-Bahá diesem Beispiel der praktischen Vernunft Bahá'u'lláhs so große Wichtigkeit beimisst, will Er die Nutzlosigkeit von Wundern als Beweis für die Wahrheit der Offenbarungen Gottes betonen. Vgl. Beantwortete Fragen, S. 105 ff.
